Rückmeldung von einer Gruppe aus St. Willibrord, Herzogenrath

Barmherzigkeit und Liebe: Teufelswerk??

Mit ausgeprägten und trainierten Muskeln, kräftig und gehorsam, so sollten die Menschen nach dem Ideal des Nationalsozialismus sein. Und wer diesem Ideal nicht entsprach, galt als minderwertig. Wer aber minderwertig war, der durfte unterdrückt, versklavt, ausgenutzt und ausgerottet werden.

Kurzgefasst ist dies die Ideologie, die im Dritten Reich zur Religion hochstilisiert wurde. Wie diese Vorstellungen vermittelt und umgesetzt werden sollten, erfuhren am Pfingstmontag Familien des Familienkreises, Mitglieder des Jugendteam und auch einige jugendliche Flüchtlinge, die jetzt in unserer Gemeinde leben. Es ging zur „Ordensburg Vogelsang“, einer monumentalen Anlage aus der Nazizeit in der Eifel bei Schleiden.

Pastoralreferent Georg Toporowsky empfing uns dort und zeigte an diesem historischen Ort wie man versucht hat, junge Männer als Vertreter der Doktrin auszubilden. Georg Toporowsky ist von unserem Bistum eigens für solche Veranstaltungen auf Burg Vogelsang beauftragt. Anschaulich, sehr engagiert und für alle Altersgruppen gut verständlich erklärte er, was dort geplant war und was tatsächlich umgesetzt wurde: Monumentalbauten wurden geplant, die weithin sichtbar sein sollten. Sie sollten schon durch ihre Größe den Betrachter beeindrucken und ggf. einschüchtern. Als Burg Vogelsang Mitte der 1930er Jahre erbaut wurde, war dies ein kräftiger Aufschwung für die Region, denn es gab unzählige Arbeitsplätze. Finanziert wurden die Bauten allerdings mit dem Geld, dass man den Gewerkschaften enteignet hatte. Aber wegen des Krieges sind längst nicht alle Pläne umgesetzt worden.

Dennoch gibt es denkwürdige Zeugnisse der Herrschaftsarchitektur und Herrschaftskunst: Übergroße Monumentalfiguren zeigen wehrhafte Männer. Einem Kind fiel auf, dass „die ja alle gleich aussehen“. Und genau darum ging es: Individualität sollte keine Rolle mehr spielen. Nachdenken sollte man auch nicht und erst recht nicht kritisch nachfragen. Wer kritisch war, passte nicht in das Gleichheitsbild und sollte möglichst „entfernt“ werden.

Ebenso wenig passten schwache Mitglieder in eine Gesellschaft, deren Ideologie Macht und Stärke war und der alles verhasst war, was anders war. Georg Toporowsky erläuterte mit einem Hörbeispiel aus einer Vortragsveranstaltung aus dem Jahr 1937 die kirchenkritische Haltung. Dort hieß es, dass die Kirche „immer wieder die Schwachen und die Elenden und die Verkommenen an sich zieht“. Die christlichen Prinzipien von Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hatten in dieser Hassreligion keinen Platz. Und eine solche Haltung war fester Bestandteil der Ideologie!

Umso erschreckender, dass heute Redner bei Pegida diese unbarmherzige Haltung wieder öffentlich zeigen …

Es war ein nachdenklicher Tag.

Diakon Franz-Josef Kempen

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